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Polimentvergoldung

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von Paul Rammelmeyr

In der Antike berichtete erstmals der Römer Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) über die Technik des Vergoldens auf Holz und der dabei verwendeten Materialien. Die von ihm erwähnte Rezeptur lässt den Rückschluss zu, dass es sich um Polimentvergoldung handelte. Große Verbreitung fand die Vergoldertechnik in der spätrömischen Kaiserzeit, im byzantinischem Reich und dem späteren Mittelalter. Die Polimentvergoldung, auch Polimentglanzvergoldung genannt, kam nur in Innenräumen zur Anwendung, besonders häufig in Kirchen an Altären, Figuren und Bilderrahmen. Geeignete Untergründe sind Stuck und Holz.

Die Polimentvergoldung ist eine aufwendige Handwerkstechnik und bedarf großer Übung und Erfahrung. Die Zubereitung des Leimgrundes (Leimtränke), des Steingrundes, des Kreidegrundes (Weißgrund), des Poliments und der Vergoldernetze waren früher streng gehütete Geheimnisse der Vergolder. Jeder hatte seine eigene, bewährte Rezeptur. Ich selbst habe die Grundrezeptur von meinem Vater, der ein hervorragender Restaurator war, überliefert bekommen. Die Feinheiten musste ich mir aber selbst erarbeiten.

Leimgrund (Leimtränke)

Der Leimgrund dient zur Vorbereitung des Untergrundes. Er bewirkt, dass sich die Poren des Holzes öffnen, um damit ein tieferes Eindringen der nächsten Auftragsschicht und einen gleichmäßig saugfähigen Untergrund zu erreichen. Der Leimgrund wird zubereitet aus » Tafelleim (Leim auf Basis tierischer Eiweiße) und Wasser.
Zubereitung von 1 Ltr. Leimgrund:
80 Gramm Plattenleim in ca. 400 ml kaltem Wasser über Nacht einweichen.
Nach dem Aufquellen Gefäß ins Wasserbad stellen und Leim bei nicht mehr als +60° C verflüssigen. Nach und nach ca. 500 ml Wasser aufgießen.
Auftrag der Grundierung:
Der Auftrag erfolgt in gleichmäßiger Sättigung mit einem Borsten-Pinsel. Unter Umständen können auch zwei Grundierungen notwendig werden.

Steingrund

Der Steingrund ist das Bindeglied zwischen Leimtränke und Kreidegrund. Durch seine kristalline Struktur ist er der ideale Haftgrund für die nachfolgende Schicht. Der Steingrund wird aus einer Mischung von » Tafelleim, Wasser und » Steinkreide hergestellt.
Zubereitung von 1 Ltr. Steingrund:
500 ml Steinkreide und 250 ml Wasser über Nacht ansetzen und einsumpfen lassen. Danach überschüssiges Wasser abgießen.
100 ml Hasenleimgranulat (Tafelleim raspeln) und 150 ml Wasser über Nacht ansetzen und quellen lassen. Der Leim sollte das Wasser gänzlich aufgesogen haben. Danach das gequollene Granulat im Wasserbad bei + 60° C erwärmen und den aufgelösten Leim mit der Steinkreide gründlich vermischen. Zum Schluss wird der Steingrund durch ein feines Sieb gedrückt und kann sofort verarbeitet werden.
Der Steingrund darf nicht zu dickflüssig sein, weil sich sonst Risse bilden. Notfalls mit dünnem Leimwasser die Viskosität dünnflüssiger einstellen.
Auftrag des Steingrundes:
Für den Auftrag eignet sich am besten ein sogenannter » Anleger (Borstenpinsel).
Dabei wird die Fläche gestupft. Um eine gleichmäßige Fläche zu erhalten, braucht man etwas Übung. Keinesfalls innerhalb eines Auftrags eine bereits etwas angetrocknete Stelle mehrmals stupfen, weil sonst Risse entstehen können. Die Verarbeitungstemperatur des Steingrundes wird mit dem Wasserbad auf ca. 55 °C reguliert. Der Auftrag der Steingrundierung hat gleichmäßig aber nicht deckend zu erfolgen. Die Holzoberfläche und Struktur müssen noch zu sehen sein. Je nach dem sind ein bis zwei Schichten notwendig. Der Steingrund muss gut austrocknen, bevor mit dem Kreidegrund weitergearbeitet werden kann.

Kreidegrund (Weißgrund)

Er wird mehrschichtig aufgetragen und soll Unebenheiten ausgleichen und eine polierfähige Unterlage für die spätere Vergoldung bilden. Bis zu zehn Aufträge können für die Polimentvergoldung notwendig sein. Je nach Erfordernis. Der Kreidegrund besteht aus einer Mischung von verschiedenen Kreidesorten, Tafelleim, Wasser und Spiritus (Spiritus nur beim Ausgrundieren).
Zubereitung von 1 Ltr. Kreidegrund:
100 ml » Tafelleim (geraspelt) über Nacht in 150 ml kaltem Wasser einsumpfen. Dann im Wasserbad bei +60°C unter Zugabe von noch einmal 150 ml Wasser verflüssigen. Die Leimlösung sollte in einer Wanne angerührt werden, die groß genug ist um zusätzlich 100 ml Bologneser-Kreide,
100 ml Champagner-Kreide und
100 ml China-Kreide (China-Clay)
aufzunehmen. Die Kreiden werden bei +60°C in die Leimlösung nacheinander eingestreut, nicht eingemischt. Dabei werden die Kreiden durch die Hände gerieben. Das dient der besseren Zerteilung. Immer nur soviel Kreide einstreuen, dass die Leimoberfläche leicht bedeckt ist. Die Kreide sackt ab, erst dann darf weiter eingestreut werden. Die Sättigung der Leimlösung erkennt man daran, dass sich auf der Oberfläche Kreideinseln bilden, die nicht mehr absacken. Da sich die Kreidesorten unterschiedlich verhalten, kann das Einstreuen des Kreidegrundes einige Zeit in Anspruch nehmen.
Zum Schluss muss der Kreidegrund gründlich gesiebt werden und ist gebrauchsfertig.
Auftrag des Kreidegrundes:
Die beste Verarbeitungstemperatur liegt bei +40° bis 45°C. Bei höheren Teperaturen können sich Blasen bilden. Der Auftrag erfolgt mit dem Anleger durch Stupfen in dünnen Schichten. Nach zwei bis drei Schichten darf der dunkle Steingrund nicht mehr sichtbar sein und mindestens sechs bis acht Schichten sind erforderlich um später ein Durchschleifen zu verhindern. Vorsicht bei filigranen Konturen. Sie müssen besonders sorgfältig bearbeitet werden, damit die Schärfe der Ornamentik erhalten bleibt. Nach dem Auftrag der Stupfschichten beginnt man mit dem sogenannten Ausgrundieren. Hierzu verwendet man am besten einen Polimentpinsel oder breiten Flackpinsel aus Haar, außerdem verdünnt man den Kreidegrund zusätzlich mit 5% Spiritus. Beim Auftragen der Ausgrundierungsschichten wird nicht mehr gestupft, sondern gestrichen. Dabei ist auf gleichmäßigen Auftrag zu achten.
Schleifen des Kreidegrundes:
Nach dem Ausgrundieren und guter Durchtrocknung wird der Kreidegrund geschliffen. Das kann im Nassschliff (380er-Papier) oder im Trockenschliff (260er-Papier) erfolgen. Die Wahl der Körnung ist Erfahrungssache und objektabhängig. Das gründliche und ordentliche Schleifen ist eine der wichtigsten handwerklichen Vorarbeiten für die Polimentvergoldung. Merke: Alle Unebenheiten sind nach der Vergoldung zu sehen!
Nach dem Schliff muss das Werkstück gründlich entstaubt werden. Das geschieht mit Staubsauger und angefeuchtetem Tuch. Ab jetzt wird das Werkstück nicht mehr mit den blanken Händen berührt. Was nun folgt, ist das Tränken des Weißgrundes mit der sogenannten Lösche.

Lösche

Die Lösche hat eine wichtige Aufgabe. Sie soll gut in den saugenden Weißgrund (Kreidegrund) eindringen und diesen abdichten. Das richtige Mischungsverhältnis der Lösche sorgt dafür, dass der Weißgrund noch eine hinreichende Haftungsfähigkeit für das Poliment aufweist. Die Lösche wird auf max. +35°C erwärmt und mit weichem Pinsel aufgetragen. In manchen Fällen kann ein mehrmaliger Auftrag der Lösche erforderlich sein.
Zubereitung von Lösche:
Die gallertartige Leimlösung die als Bindemittel für das Poliment dient (siehe unter Poliment), wird lediglich mit einem Drittel Wasser verdünnt. Hinweis: Das Poliment wird immer vor der Lösche angerührt.

Poliment

ist der eigentliche Goldträger und besteht aus Bolus (fette Tonerde) und einem Bindemittel (Plattenleim). Seit dem Mittelalter wird das Poliment bei der Glanzvergoldung eingesetzt. Poliment ist ein feiner, aufwändig vorbereiteter und geleimter roter oder gelber Ton. Seiner Saugfähigkeit und Fettigkeit ist zu verdanken, dass das Blattgold gut auf ihm haftet. Das Poliment wird nach dem verwendeten Bindemittel unterschieden: Leimpoliment und Eipoliment.
Zubereitung von Leimpoliment:
10 Gramm Tafelleim (geraspelt) und 300 ml Wasser über Nacht quellen lassen. Danach im Wasserbad bei +60°C erwärmen. Nach dem Erkalten soll der Leim eine gallertartige Masse sein. Wir nehmen 20 Gramm gelben Bolus und vermischen ihn mit der lauwarmen Leimmasse, die nach und nach bis zur Streichfähigkeit hinzugegeben wird. Danach wird das gelbe Poliment gesiebt und ist gebrauchsfertig.
Für das rote Poliment benötigen wir wieder Polimentleim und vermischen ihn mit 20 Gramm rotem Bolus, wie vorher beschrieben. Danach wird das rote Poliment gesiebt und ist gebrauchsfertig.
Zubereitung von Eipoliment:
Wir benötigen nur das Eiweiß eines Eies (ca. 30 Gramm) und 20 Gramm gelben bzw. roten Bolus. Das Eiweiß wird zum Eischnee geschlagen, den man über Nacht ruhen lässt. Durch das Stehen bildet sich eine klare Flüssigkeit und die Eiweßgallerte ist zersetzt. Das Eiweiß wird jetzt mit dem Bolus gut verrührt und in ein verschließbares Glas gesiebt. Bei Raumtemperatur (+24°C) reift es in zirka zwei Wochen zu einem gebrauchsfertigen Poliment heran. Je kühler die Lagerung, desto länger die Reifezeit. Eipoliment riecht nicht angenehm.
Auftrag des Poliments:
Der Auftrag des streichfertig eingestellten Poliments erfolgt in bis zu vier dünnen Schichten mittels weichem Pinsel. Wir beginnen mit dem gelben Poliment. Vor dem Auftrag einer neuen Lage muss die zuvor aufgebrachte Lage trocken sein. Niemals mehr Fläche polimentieren, als an einem Tag mit Gold belegt werden kann.
Schleifen bzw. Polieren des Poliments:
Die einzelnen Lagen werden mit einem weichen Baumwolltuch oder einer weichen, stumpfen Polierbürste entstaubt, geschliffen und poliert. Dabei entsteht eine völlig glatte, seidenglänzende Oberfläche als idealer Haftgrund für die Goldauflage. Vorsicht, dieser Untergrund soll auf keinem Fall mehr mit den Fingern in Berührung kommen.

Netze

nennt man den Haftvermittler zwischen dem polimentierten Untergrund und dem Blattgold. Die Netze bewirkt, dass das im Poliment enthaltene Bindemittel aktiviert wird. Der Alkoholanteil reguliert die Quellbarkeit des Leimes im Poliment. Geht der Leim nicht auf, haftet der Goldbelag nicht dauerhaft. Quillt der Leim zu stark, wird er durchschlagen und Flecken auf der Goldoberfläche bilden.
Zubereitung der Netze:
1 Teil Äthylalkohol
und 2 bis 3 Teile Wasser
Auftrag der Netze:
Die Netze wird mit einem weichen Haarpinsel auf das Poliment aufgetragen und sollte blank auf dem Poliment stehen. Wir netzen stets nach und nach ein, damit wir das Blattgold einschießen können, bevor die Netze einsackt.

Das Vergolden

erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geschick. Das Blattgold befindet sich in einem Büchlein mit 25 Blatt (80mm x 80mm). Erfahrene Vergolder befestigen das Büchlein mit einem Gummi auf dem Vergolderkissen. Das » Blattgold wird mit dem Vergoldermesser auf dem Vergolderkissen ausgebreitet und maßgenau zugeschnitten. Danach nimmt man das hauchdünne Goldblatt mit dem Anschießer (Dachshaarvertreiber) auf und platziert es auf dem angenetzten Poliment. Viele Vergolder streichen mit dem Anschießer vor der Goldaufnahme über die Wange. Die einen sagen, dass sich die Pinselhaare statisch aufladen, die anderen meinen, dass das Hautfett die bessere Goldaufnahme möglich macht. Beides wird stimmen. Auf alle Fälle, diese Methode erleichtert die Goldaufnahme wesentlich. Ein Blatt nach dem anderen wird auf diese Weise in die nasse Netze eingelegt, wobei sie sich an den Anschlussstellen etwa einen Millimeter überlappen müssen. Sollte die Netze eingetrocknet sein, muss neu angenetzt werden.

Das Polieren

des Goldes kann erst begonnen werden, wenn die Netze restlos verdunstet ist. Das ist je nach Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit etwa nach zwei bis drei Stunden der Fall. Der erfahrene Vergolder klopft die vergoldete Fläche mit dem Achat-Polierstein vorsichtig ab. Am Klang erkennt er den richtigen Zeitpunkt zum Polieren. Richtig getrocknete Flächen klingen hell.
Früher wurden Leinenlappen und Tierzähne zum Polieren des Goldes verwendet. Seit etwa dem 18.Jahrhundert hat sich der Achat-Polierstein druchgesetzt. Achat-Poliersteine gibt es verschieden geformt. Je besser ein Achat-Polierstein eingearbeitet ist, desto wertvoller ist er. Deshalb behütet sie jeder Vergolder wie seinen größten Schatz. Ich selbst besitze die alten Achat-Poliersteine meines Vaters, der diese von seinem Lehrmeister erwerben konnte. Sie sind von so hoher Feinheit und Qualität, dass ich sie für Tausende von Mark nicht weggeben würde.
Der Achat-Polierstein wird möglichst flach angelegt. Unter leichtem Druck wird von oben nach unten gerieben, entsprechend der Goldauflage. Zu starkes Andrücken kann zu Goldeindrücken oder zum Durchreiben führen. Nach dem Polieren können Fehlstellen gut erkannt und nachgebessert werden. Hat man alles richtig gemacht, wird die Vergoldung hunderte von Jahren im vollen Glanze stehen und den Betrachter erfreuen.